2
Apr
2011

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Und wieder eine völlig normale Nacht. Nur ein paar Sterne sind zu sehen, ansonsten herrscht Finsternis um mich. Ich sitze in Khaki-Shorts, T-Shirt und Schuhen (keine Socken) auf einer Bank im Freien. Nur wenige Meter vor mir befindet sich ein Teich, den ich aufgrund der Dunkelheit nicht erkennen kann. Hinter mir erblickt man vereinzelte Lichter von verschiedenen Gebäuden. Ich höre leise Musik, lausche nebenbei den beruhigenden Geräuschen der Autobahn in meinem Rücken. Ein Tier unbekannter Art lässt leise Geräusche vernehmen während ich genüsslich auf das Lichtermeer rund um den Genfersee blicke, erfolglos versuche Internet zu ergattern und die leichte Kälte genieße, die sich gerade um meinen Körper breit zu machen scheint. Eine perfekte Nacht.
Die Waschmaschine wird nun fertig sein und mein Akku warnte mich schon mehrmals vor seinem Ende, also mache ich mich auf den Weg zurück ins Haus.
Nachdem ich mich um die Wäsche gekümmert habe, sitze ich noch mit meinem WG-Kollegen zusammen, der mir teils in Französisch, teils in Englisch erklärt, warum er sich gerade nicht mit seinem Freund Pedro (der auch bei uns wohnt) versteht. Ich räume noch ein wenig in meinem Zimmer auf und begebe mich dann zu Bett.
Heute, einige Stunden später befinde ich mich direkt vor einem wohl denkmalgeschützten Gebäude und einer altertümlichen Statue. Ich freu mich über den gratis WLAN-Hotspot, mein (inzwischen nicht mehr kaltes) Bier und tolle Musik aus meinem Walkman (nein, nicht der tragbare Kasettenrekorder, aber Sony beschloss, seine MP3 Player mit dem selben Namen zu benennen, hat gewissermaßen Stil). Für meine derzeitige Stimmung könnte ich mir keine bessere Musik vorstellen als die sehr eigenen Lieder von Air, einer Band die ich gerade erst auf der Festplatte eines Freundes entdeckt habe.
Nur die Sonnenbrille hab ich gestern in der Wohnung meines Nachbarn vergessen. Ebenso wie ich vergessen habe, mir neue Zigaretten zu kaufen. Das passiert mir momentan ständig. Ich vergesse die Zigaretten zu Hause, vergesse das Feuerzeug, oder komm einfach nicht dazu mir neue zu kaufen. Ich frage mich manchmal, ob ich überhaupt noch Raucher bin...
Abgesehen von dem Gebäude und der Statue hinter mir, sitze ich gerade in einem Park, quasi direkt im Zentrum von Lausanne. Unzählige Menschen liegen hier auf dem Rasen, spielen, jonglieren, knutschen (oh ja, ich liebe das Wort) oder beschäftigen sich mit was-auch-immer. Der sanfte Geruch von Gras dringt an meine Nase, während ich die Aussicht genieße. Strahlend blauer Himmel, leuchtender Sonnenschein, der riesige Genfer See direkt vor mir, am anderen Ufer versinken die noch immer schneebedeckten Berge leicht im Nebel der sanft über dem Wasser schwebt.
Einfach unglaublich, ich liebe diese Stadt, wenn nicht das Problem mit dem Geld wäre, würde ich sofort herziehen. Apropos Geld: Pedro meinte gestern gerade noch: "You can even smell the money" (Man kann das Geld sogar riechen). Was mich geradezu erschreckt, ist nicht nur die Tatsache, dass es hier wirklich Geld wie Sand am Meer zu geben scheint, sondern dass die Aussage sogar im wörtlichen Sinn stimmt. Eine durch und durch eigene Stadt mit völlig eigenen Leuten.
Ich weiß nicht, ob ich die Schweizer je verstehen werde. Manche "Ausländer" (Lasanne hat ebenso wie meine Uni einen Ausländeranteil von über 40 %) meinen, sie würden sie auch nach einigen Jahren in Lausanne noch nicht verstehen. Langsam denke ich, etwas Wahres daran zu finden. Anfangs merkte ich es kaum, aber nach einiger Zeit fand ich heraus, dass viele der Menschen mit denen ich mich gut verstehe in Wirklichkeit Franzosen sind. Man merkt es am Dialekt, sie sprechen viel deutlicher, dafür verwenden sie einen weit umfassenderen Wortschatz und haben die Angewohnheit überaus schnell zu sprechen. Das scheint in der französischen Sprache generell Mode zu sein, die Worte nur so hinaus zu schießen (Französisch ist eigentlich nicht wie ein Maschinengewehr, mehr wie ein schnell fließender Gebirgsbach). Besonders beliebt ist es auch, Dinge anstatt mit einem Wort, durch 5 nichtssagende Worte auszudrücken, diese jedoch derart schnell aneinander zu reihen, dass sie wie ein einziges Wort klingen. Hat Stil, ist allerdings unmenschlich schwierig zu verstehen.
Wieder einmal komm ich nicht dazu, etwas über mein Leben zu schreiben, ich werde das ehestmöglichst nachholen, nur so viel, es ist gerade immens viel los, die meisten Wochenende bin ich unterwegs oder beschäftigt. Ich habe einige Freunde und unzählige Bekannte gefunden und es geht mir eigentlich total gut. Manchmal bin ich aber dennoch betrübt, mal sitze ich 1h an einem Tisch ohne ein Wort zu verstehen oder mitreden zu können. Französisch geht voran, allerdings lang nicht so schnell wie ich erhoffte. Ach ja, ich hab außerdem begonnen Salsa zu lernen, macht echt Spaß.

Schönen Nachmittag noch,
Martin
Martin...

Martin goes Lausanne


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Martin